Wenn eine Person im Workshop den Raum dominiert, hilft es selten, sie direkt zu bremsen. Mehr bringt es, den Ablauf so zu bauen, dass sich die Redeanteile von selbst verteilen: mit Einzelarbeit, deren Ergebnisse alle vorstellen, mit Regeln, die die Gruppe gemeinsam festlegt, und indem du leise Personen gezielt einlädst. Und die Person, die viel redet, holst du am besten auf deine Seite, statt gegen sie zu moderieren. So bekommt jede Stimme Raum, und niemand wird vor der Gruppe bloßgestellt.
Vielredner und Vielrednerinnen gibt es in fast jeder Gruppe. Im Artikel Gut moderieren: Was im Raum den Unterschied macht ist das eine von vier schwierigen Situationen, die ich dort kurz beschreibe. Hier geht es tiefer: Warum lohnt es sich überhaupt, einzugreifen, und welche Möglichkeiten gibt es, ohne dass die Stimmung kippt?
Wenn eine Person sehr viel redet, fehlen am Ende die Beiträge der anderen, und das Ergebnis wird schwächer. Es geht also nicht nur um Fairness. Eine Studie von Anita Woolley und Kollegen, 2010 in Science erschienen, fand: Gruppen, in denen wenige Personen das Gespräch dominierten, lösten gemeinsame Aufgaben schlechter als Gruppen mit gleichmäßiger verteilten Redeanteilen (Zusammenfassung des MIT bei ScienceDaily).
Dazu kommt ein zweiter Effekt: Wer merkt, dass eine Person ohnehin alles sagt, hält sich zurück. Die Leisen werden leiser, und die Moderation verliert genau die Perspektiven, für die sie die Gruppe eingeladen hat.
Dabei hilft ein Gedanke: Wer viel redet, will dem Workshop in aller Regel nicht schaden. Oft steckt Engagement dahinter, viel Wissen zum Thema, Nervosität oder die Gewohnheit, in Meetings die Rolle der Person zu haben, die das Gespräch in Gang hält. Das macht es leichter, freundlich zu bleiben.
Am wirksamsten ist es, wenn der Ablauf selbst die Redezeit verteilt. Ein Mittel, das bei mir gut funktioniert: Einzelarbeit, deren Ergebnisse anschließend alle vorstellen. Jede und jeder denkt zuerst still für sich, schreibt Gedanken auf Karten oder auf ein Blatt, und dann stellt jede Person ihr Ergebnis vor.
Das verändert die Dynamik spürbar. Die Person, die sonst sofort das Wort ergreift, kann ihre Gedanken genauso einbringen wie alle anderen, aber nicht mehr als die anderen. Und die Leisen haben schon etwas auf dem Papier, wenn sie dran sind. Sie müssen nicht in einer laufenden Diskussion den richtigen Moment abpassen.
Varianten, die sich daraus bauen lassen:
Welche Methoden im Moment sonst noch an Bedeutung gewinnen, habe ich in Workshop-Methoden 2026: Welche Trends sich gerade durchsetzen zusammengetragen.
Regeln, die die Gruppe selbst festgelegt hat, lassen sich einfordern, ohne dass es persönlich wird. Wenn ich am Anfang mit der Gruppe vereinbare, wie wir heute miteinander reden wollen, kann ich mich später auf diese Vereinbarung berufen.
Eine Möglichkeit ist die Frage zu Beginn: „Was braucht ihr, damit heute alle zu Wort kommen?" Häufig kommen dann Antworten wie „kurz fassen", „ausreden lassen" oder „nicht alles kommentieren". Diese Punkte hängen sichtbar im Raum. Wenn eine Person dann zum dritten Mal ausholt, reicht oft ein Hinweis auf die Wand: „Wir hatten vereinbart, dass wir uns kurz fassen. Magst du den Kern in einem Satz sagen?"
Der Unterschied zur Ermahnung: Nicht die Moderation setzt eine Grenze, sondern die Gruppe hat sie vorher selbst gezogen. Das nimmt die Spitze aus der Situation.
Leise Personen gezielt anzusprechen gleicht den Redeanteil von der anderen Seite aus. Statt nur die Person zu bremsen, die viel redet, öffne ich den Raum für die, die bisher wenig gesagt haben.
Damit das nicht als Prüfung empfunden wird, helfen ein paar Dinge:
Statt gegen die Person zu moderieren, die viel redet, versuche ich, sie auf meine Seite zu holen. Wer sich gesehen und gebraucht fühlt, muss weniger um Aufmerksamkeit kämpfen. Und wer mit der Moderation an einem Strang zieht, hilft eher dabei, dass andere zu Wort kommen.
Möglichkeiten, wie das aussehen kann:
Wichtig dabei ist, die Person nie vor der Gruppe vorzuführen. Ein Satz wie „Jetzt lass doch auch mal die anderen" mag kurz Ruhe schaffen, kostet aber Vertrauen, auch bei denen, die zuschauen.
Vieles davon lässt sich vor dem Workshop vorbereiten. Wer weiß, wer im Raum sitzt, kann Formate mit Einzelarbeit und Kleingruppen von Anfang an einplanen, statt sie im Moment zu improvisieren. Wie ich Teilnehmende vorab recherchiere und den Ablauf plane, steht in Workshop planen: Vom Ziel bis zur Nachbereitung. Und wie man einen Raum von Beginn an einbezieht, zum Beispiel mit Fragen an alle per Handzeichen, beschreibe ich in Crowd Work: Was Vortragende von Comedians lernen können.
Vielredner und Vielrednerinnen im Workshop sind selten böswillig, sie kosten die Gruppe aber Perspektiven. Am meisten hilft ein Ablauf, der die Redezeit selbst verteilt: Einzelarbeit, die alle vorstellen. Dazu Regeln, die die Gruppe gemeinsam festlegt, leise Personen, die gezielt und ohne Druck eingeladen werden, und eine Moderation, die die Person, die viel redet, auf ihre Seite holt, statt sie bloßzustellen.
Titelbild: Foto von fauxels auf Pexels