Gut moderieren: Was im Raum den Unterschied macht
Gut moderieren heißt vor allem: den Raum so zu führen, dass alle beitragen können und die Gruppe bei ihrem Auftrag bleibt. Die Methode ist dabei zweitrangig. Den Unterschied machen die Momente, in denen es kippt: wenn nur ein Teil redet, wenn jemand sich nicht auf das Thema einlässt, wenn der Sinn des Ganzen infrage steht oder wenn Regeln nicht mehr gelten. Wer diese Momente erkennt und offen anspricht, statt sie zu übergehen, moderiert gut.
Wenn ich auf meine Workshops und Moderationen schaue, sind das genau die vier Situationen, die ich als die schwierigsten erlebe:
- Nur ein Teil der Teilnehmenden redet. Leise Menschen kommen nicht zum Zug.
- Eine laute Person kann sich nicht auf das Thema einlassen.
- Der Sinn des Workshops wird infrage gestellt.
- Diskussionsregeln werden nicht eingehalten.
Für jede davon findest du unten, was dahintersteckt und welche Möglichkeiten es gibt. Ein Rezept gibt es nicht, aber ein paar Werkzeuge, die die Lage oft entspannen.
Was macht eine gute Moderation aus?
Eine gute Moderation ist für den Prozess verantwortlich, nicht für das Ergebnis. Die Gruppe bringt das Wissen mit und trifft die Entscheidungen. Die Moderation sorgt dafür, dass das Gespräch dahin kommt: Sie hält den Auftrag im Blick, verteilt das Wort, macht Zwischenstände sichtbar und spricht an, was im Raum gerade schiefläuft.
Viel davon entscheidet sich vorher. Wie du Ziel, Ablauf und Raum vorbereitest, habe ich in Workshop planen: Vom Ziel bis zur Nachbereitung beschrieben. Hier geht es um das, was am Tag selbst passiert, wenn die Gruppe anders reagiert als geplant.
Was tun, wenn nur ein Teil der Gruppe redet?
Wenn nur wenige reden, hilft es, Formate zu wählen, in denen alle zuerst für sich oder in kleinen Gruppen denken, bevor im Plenum gesprochen wird. Offene Runden im Plenum belohnen die Schnellen und die Lauten. Leise Menschen haben oft etwas beizutragen, sie brauchen nur einen anderen Einstieg.
Dass das nicht nur eine Frage der Höflichkeit ist, zeigt eine Studie von Anita Woolley und Kollegen, die 2010 in Science erschien: In Gruppen, in denen eine Person das Gespräch dominierte, schnitt die Gruppe bei gemeinsamen Aufgaben schlechter ab als in Gruppen mit gleichmäßiger verteilten Redeanteilen. Untersucht wurden 699 Personen in Gruppen von zwei bis fünf (Zusammenfassung des MIT bei ScienceDaily).
Möglichkeiten, die sich bewährt haben:
- Erst schreiben, dann reden. Jede und jeder notiert zuerst still eigene Gedanken, zum Beispiel auf Karten. Der Organisationspsychologe Steven Rogelberg nennt das Brainwriting und verweist auf mehr als 80 Studien, nach denen Gruppen, die beim Ideensammeln miteinander redeten, weniger und schwächere Ideen hatten als Gruppen, die still schrieben (strategy+business).
- 1-2-4-Alle. Ein Format aus den Liberating Structures: eine Minute allein nachdenken, zwei Minuten zu zweit, fünf Minuten zu viert, dann Austausch im Plenum. Nach etwa 15 Minuten hat jede Stimme mindestens einmal gesprochen (Beschreibung bei Liberating Structures).
- Fragen an alle stellen. Eine Frage per Handzeichen beantworten zu lassen, holt alle ins Spiel, ohne dass jemand allein vor der Gruppe antworten muss. Wie Comedians mit ähnlichen Mitteln ihr Publikum einbeziehen, habe ich in Crowd Work: Was Vortragende von Comedians lernen können beschrieben.
- Reihum statt durcheinander. Bei wichtigen Fragen eine Runde, in der jede Person kurz etwas sagt. Wer nichts sagen möchte, darf weitergeben.
Was tun, wenn sich eine laute Person nicht auf das Thema einlässt?
Wenn eine laute Person immer wieder vom Thema weggeht, hilft es meist, das Thema sichtbar zu machen und den Beitrag ernst zu nehmen, ohne ihm den Raum zu überlassen. Oft steckt hinter dem Ausweichen ein Anliegen, das woanders hingehört, oder die Frage, ob das eigene Thema überhaupt vorkommt.
Möglichkeiten:
- Das Thema sichtbar halten. Steht die Leitfrage groß an der Wand, lässt sich darauf zeigen: „Hilft uns das bei dieser Frage?" Das ist weniger persönlich, als jemanden direkt zu bremsen.
- Einen Themenspeicher anlegen. Ein Flipchart, auf dem Punkte landen, die gerade nicht dran sind, oft „Parkplatz" genannt. Der Beitrag geht nicht verloren, die Diskussion bleibt beim Thema. Wichtig ist, den Speicher am Ende auch durchzugehen, sonst verliert er schnell an Glaubwürdigkeit.
- Struktur statt freier Diskussion. Kleingruppen, Redezeiten oder schriftliche Runden verteilen das Wort, ohne dass die Moderation einzelne Personen zurechtweisen muss.
- Unter vier Augen nachfragen. In der Pause lässt sich oft klären, was hinter dem Ausweichen steckt. Manchmal ist es ein Thema, das tatsächlich auf die Agenda gehört.
Was tun, wenn jemand den Sinn des Workshops infrage stellt?
Wenn jemand den Sinn des Workshops infrage stellt, ist es meist besser, die Frage aufzunehmen, als den Workshop zu verteidigen. Der Einwand sagt oft etwas Wichtiges: Das Ziel ist nicht klar, die falschen Leute sitzen im Raum, oder es gab schon ähnliche Runden, aus denen nichts folgte.
Möglichkeiten:
- Nachfragen statt rechtfertigen. „Was müsste heute passieren, damit sich die Zeit für dich lohnt?" verschiebt das Gespräch von der Kritik zur Erwartung.
- Auftrag und Grenzen offenlegen. Was soll am Ende des Tages stehen, und was entscheidet dieser Workshop ausdrücklich nicht? Je klarer das vorher mit dem Auftraggeber geklärt ist, desto leichter lässt sich darauf zeigen. Warum Grenzen zum Ziel gehören, steht ebenfalls im Artikel Workshop planen.
- Die Gruppe fragen. Teilen mehrere den Zweifel, ist das ein Signal für den Ablauf. Dann kann es sinnvoll sein, den Plan anzupassen oder den Punkt an den Auftraggeber zurückzugeben, statt das Programm durchzuziehen.
Was tun, wenn Diskussionsregeln nicht eingehalten werden?
Wenn Regeln nicht eingehalten werden, liegt es oft daran, dass sie nicht von der Gruppe kommen oder im Lauf des Tages aus dem Blick geraten. Regeln, die die Gruppe selbst vereinbart hat und die sichtbar im Raum hängen, lassen sich leichter einfordern.
Möglichkeiten:
- Regeln gemeinsam vereinbaren. Zu Beginn fragen: „Was braucht ihr, damit ihr heute offen reden könnt?" Die Antworten werden zu den Regeln des Tages.
- Auf die Regel zeigen, nicht auf die Person. „Wir hatten vereinbart, dass wir ausreden lassen" wirkt anders als „Bitte unterbrich nicht ständig".
- Die Gruppe einbeziehen. Nach einer Phase kurz nachfragen, ob die Regeln noch tragen oder ob etwas fehlt. So bleibt die Verantwortung nicht allein bei der Moderation.
- Regeln anpassen. Passt eine Regel nicht zur Gruppe, ist es ehrlicher, sie zu ändern, als sie stillschweigend aufzugeben.
Was hilft schon vor dem Workshop?
Viele der Situationen oben lassen sich entschärfen, bevor der erste Teilnehmende den Raum betritt. Ein klares Ziel mit Grenzen, ein Ablauf mit Phasen für stilles Arbeiten und Kleingruppen, ein Blick darauf, wer im Raum sitzt und welche Interessen aufeinandertreffen: Das alles macht es leichter, am Tag selbst zu reagieren. Ganz verhindern lassen sich schwierige Momente nicht. Sie gehören zu Gruppen, und oft steckt in ihnen der wichtigste Hinweis des Tages.
Kurz zusammengefasst
Gute Moderation zeigt sich weniger im perfekten Ablauf als im Umgang mit den Momenten, in denen er nicht trägt. Wenn nur wenige reden, helfen Formate, in denen alle erst für sich denken. Wenn jemand vom Thema weggeht, helfen ein sichtbares Thema und ein Themenspeicher. Wenn der Sinn infrage steht, hilft Nachfragen mehr als Verteidigen. Und wenn Regeln nicht gelten, helfen Regeln, die die Gruppe selbst aufgestellt hat.
Titelbild: Foto von Timur Shakerzianov auf Unsplash
