Comedians sprechen ihr Publikum direkt an, stellen Fragen und bauen die Antworten in ihren Auftritt ein. Das nennt sich Crowd Work, und sie machen das, weil ihr Erfolg von der Stimmung im Raum abhängt. Für Vortragende gilt dasselbe, nur denken die wenigsten bewusst darüber nach. Wenn du die Stimmung im Raum als Teil deines Vortrags planst, statt sie dem Zufall zu überlassen, hast du einen klaren Vorteil. Dafür brauchst du keine Pointen, sondern die Haltung dahinter: hinschauen, fragen, zuhören, aufgreifen.
Crowd Work ist der Teil eines Comedy-Auftritts, der nicht vorbereitet ist. Der Comedian spricht einzelne Menschen im Publikum an, fragt nach Beruf, Herkunft oder dem Grund für den Abend und macht aus den Antworten etwas, das nur in genau diesem Raum funktioniert. Das Programm selbst bleibt geschrieben und geprobt. Crowd Work ist die Brücke zwischen dem vorbereiteten Material und den Menschen, die an diesem Abend tatsächlich da sitzen.
Ich war vor Kurzem beim Stuttgarter Comedy Clash im Wizemann. Das Format ist ein Wettbewerb: Mehrere Nachwuchs-Comedians treten an einem Abend nacheinander auf, und am Ende stimmt das Publikum ab, wer weiterkommt.
Mir ist an diesem Abend eine Abhängigkeitskette klar geworden. Die Comedians sind von einer guten Stimmung im Raum abhängig, denn ein Publikum, das nicht mitgeht, lacht weniger und stimmt am Ende auch anders ab. Der Veranstalter wiederum ist von Comedians abhängig, die gut performen, denn sonst kommt beim nächsten Mal niemand. Crowd Work ist in dieser Kette kein Gag nebenbei. Es ist das Werkzeug, mit dem die Comedians den ersten Teil der Kette selbst in die Hand nehmen: Sie machen das Publikum warm, bevor sie es brauchen.
Wenn ich auf meine eigenen Vorträge, Trainings und Moderationen schaue, finde ich dieselbe Struktur wieder. Ich bin davon abhängig, dass der Raum mitgeht. Wer mich gebucht hat, ist davon abhängig, dass ich gut performe. Der Unterschied zur Comedy ist nur, dass im Seminarraum niemand am Ende offen abstimmt. Die Abstimmung findet trotzdem statt: im Feedbackbogen, in den Gesprächen in der Kaffeepause und in der Frage, ob es einen Folgeauftrag gibt.
Viele Vortragende behandeln die Stimmung als etwas, das ihnen passiert. Ist das Publikum müde, war es eben ein schwieriger Termin. Comedians können sich diese Haltung nicht leisten. Deshalb lohnt sich der Blick darauf, was sie anders machen.
Mein Eindruck ist, dass gute Comedians meistens sehr empathische Menschen sind. Das mag zunächst überraschen, weil Comedy oft mit Spott verbunden wird. Aber wer spontan auf ein Publikum reagieren will, muss spüren, wie es ihm geht, was es mitträgt und wo die Grenze ist. Diese Empathie ist bei Vorträgen genauso wichtig.
Crowd Work beginnt mit Beobachten: Wer sitzt vorn, wer hinten, wer ist allein gekommen, wer in der Gruppe? Für einen Vortrag heißt das, die ersten Minuten im Raum nicht nur für Technik und Folien zu nutzen, sondern für die Menschen. Eine einfache Möglichkeit: vor dem Start mit zwei, drei Teilnehmenden sprechen und fragen, was sie heute mitnehmen wollen.
Der Unterschied zwischen Crowd Work und einer rhetorischen Frage liegt darin, was mit der Antwort passiert. „Kennt ihr das?" erwartet keine Antwort. „Wer von euch hat diese Woche schon ein Meeting moderiert, das aus dem Ruder gelaufen ist?" bekommt Hände, und mit diesen Händen lässt sich arbeiten. Entscheidend ist, die Antwort später wieder aufzugreifen. Comedians nennen das einen Callback: Ein Detail vom Anfang kommt später zurück, und der Raum merkt, dass zugehört wurde.
Ich eröffne meine Vorträge deshalb mit drei Fragen an alle, die per Handzeichen beantwortet werden. Das kostet kaum Zeit, und niemand muss allein etwas sagen. Ich sehe dabei, wer im Raum sitzt, und habe Material, auf das ich im Laufe des Vortrags zurückkomme. Wenn ich mich später auf das Handzeichen vom Anfang beziehe, merken die Teilnehmenden, dass es um sie geht und nicht um meine Folien.
Hier hinkt der Vergleich, und das ist wichtig. Im Comedy-Club darf ein Comedian jemanden auf die Schippe nehmen, das gehört zum Vertrag mit dem Publikum. In einem Workshop oder einer Konferenz gilt dieser Vertrag nicht. Oft sitzen Vorgesetzte mit im Raum, und niemand möchte vor Kolleginnen und Kollegen bloßgestellt werden. Fragen funktionieren hier besser, wenn sie für alle leicht zu beantworten sind und sich an die Gruppe richten statt an einzelne Personen. Wer sich meldet, entscheidet dann selbst darüber.
Crowd Work funktioniert, weil darunter ein vorbereitetes Programm liegt. Ein Comedian, der nur improvisiert, hat keinen Plan B, wenn das Publikum nicht mitspielt. Für Vortragende gilt das genauso: Die Interaktion ersetzt nicht die Vorbereitung, sie macht die Vorbereitung lebendig. Solche Momente lassen sich mitplanen, inklusive der Überlegung, wie es weitergeht, wenn auf eine Frage niemand antwortet.
Ein Comedy-Publikum hat Eintritt bezahlt und will lachen. In vielen Seminaren und Vorträgen sitzen Menschen, die geschickt wurden, die gedanklich noch im letzten Meeting sind oder die das Thema kritisch sehen. Die Ausgangslage ist also schwieriger. Gerade deshalb halte ich die Haltung der Comedians für übertragbar: Sie warten nicht darauf, dass der Raum gut gelaunt ist, sondern tun etwas dafür.
Für Vorträge im engeren Sinne gibt es wenig belastbare Daten. Aus der Hochschullehre gibt es aber eine viel zitierte Metaanalyse von Freeman et al. (PNAS, 2014) über 225 Studien in naturwissenschaftlichen Fächern. Veranstaltungen, in denen die Studierenden aktiv beteiligt wurden, führten im Schnitt zu rund 6 Prozent besseren Prüfungsergebnissen. In Veranstaltungen mit klassischem Frontalvortrag war die Wahrscheinlichkeit, durchzufallen, etwa 1,5-mal so hoch. Die Studie spricht dabei übrigens von „traditional stand-up lecturing". Die Ergebnisse lassen sich nicht eins zu eins auf einen Konferenzvortrag übertragen, die Richtung ist aber eindeutig: Wer das Publikum beteiligt, erreicht es besser.
Comedians machen Crowd Work, weil sie wissen, dass ihr Auftritt von der Stimmung im Raum abhängt, und weil sie diese Stimmung nicht dem Zufall überlassen. Für Vortragende, Moderatorinnen und Trainer gilt dieselbe Abhängigkeit, nur weniger sichtbar. Was sich übertragen lässt, ist vor allem die Haltung: mit Empathie den Raum lesen, echte Fragen stellen, Antworten aufgreifen, wohlwollend bleiben und dabei auf einer guten Vorbereitung stehen.
Mich interessiert, wie du das handhabst: Planst du die Stimmung im Raum bewusst mit ein, oder lässt du sie eher auf dich zukommen?